Schulpolitik ist zuallererst Ländersache
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Alexander Reissl |
Diesmal trifft es Realschulen. Nicht jedes Kind wird an der Realschule angenommen, an der es von seinen Eltern angemeldet worden ist. Das trifft auf Unverständnis und erzeugt Ärger, ganz klar. Es ist ja wirklich ärgerlich, wenn das eigene Kind nicht die nahe gelegene Schule besuchen kann. Und ganz schnell ist die Stadt München als die Schuldige ausgemacht, hat doch der Stadtrat vor fünf Jahren die Zahl der Eingangsklassen für die zwanzig städtischen Realschulen auf 48 begrenzt. Diese 48 werden – so weit möglich – nach Bedarf auf die Schulen verteilt. Nur klappt das leider nicht passgenau. In mehreren Stadtteilen gibt es in diesem Jahr mehr Anmeldungen als Eingangsklassen gebildet werden. Die überzählig angemeldeten Kinder werden an die drei staatlichen Realschulen verwiesen.
Im Grundgesetz steht, dass Bildung und Schule Aufgabe der Länder sind. Für den Sachaufwand, also das Gebäude, seinen Unterhalt, Einrichtung und Ausstattung sind die Gemeinden zuständig. Darüber hinaus ist München aber auch eine bedeutende Schulstadt mit eigenen Schulen, 20 Realschulen, 14 Gymnasien und fast dem gesamten beruflichen Schulwesen. Das hat sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts so entwickelt, weil die bayerische Schulpolitik immer schon konservativ war. Höhere Schulen für Mädchen, Ausbildungsgänge jenseits des Humanistischen Gymnasiums, die Entwicklung einer berufsorientierten weiterführenden Schulart, Gesamtschule und Orientierungsstufe, bei all diesen Beispielen war die Stadt München Vorreiterin.
Bayern schuldet der Stadt 180 Mio. Euro - pro Jahr!
Seit Jahrzehnten fordert die Stadt vom Land Bayern die Erstattung der Kosten für die Lehrergehälter, bekommt aber nur ungefähr die Hälfte davon. Nach Rechnung der Stadt bleibt der Staat so 180 Millionen Euro im Jahr schuldig. Wenn der Staat alle diese Schulen selber führen müsste, hätte er die Kosten ohnehin. Leider bewegt sich der Staat da gar nicht, erstattet den bayerischen Schulstädten sogar einen geringeren Anteil als den privaten Schulen. Für viele Eltern bietet die Stadt auch die attraktiveren Schulen an, weil es zum Beispiel an allen städtischen Realschulen Ganztagesbetrieb gibt.
Mit dem Beschluss, die Zahl der Eingangsklassen an den städtischen Realschulen und Gymnasien zu begrenzen, erhofft sich der Stadtrat, den Anstieg der Kosten im Schulsystem zu bremsen, bei einer Aufgabe, die die Stadt dem Freistaat seit Jahren und Jahrzehnten abnimmt.
In München findet seit Jahren eine Abstimmung mit den Füßen über die Hauptschule statt. Die Zahl der Fünftklässler in den Hauptschulen nimmt von Jahr zu Jahr ab, die Zahl der Übertritte an Realschulen und Gymnasien nimmt ständig zu. An den Realschulen beispielsweise steigt diese Zahl von 1837 (1581 städtisch, 256 staatlich) im Jahr 2002 auf 2096 (1803 städtisch, 293 staatlich) in diesem Jahr. Die 45 Münchner Hauptschulen werden noch von knapp über 11.000 Schülerinnen und Schülern besucht, damit ist sie die mit Abstand kleinste Schulart in München.
'Herumdoktern' an der Hauptschule
In fast allen anderen Bundesländern hat man die Konsequenz aus identischen Entwicklungen gezogen, und Haupt- und Realschulen zusammengeführt, entweder in Verbünden oder sogar schulorganisatorisch. Da aber in Bayern nicht sein darf, was ist, aber nicht sein soll, wird an der Hauptschule weiter herumgedoktert; es werden Hauptschulverbünde gebildet, die dann Mittelschule heißen, mit den Realschulen aber weiterhin nichts zu tun haben. Mit einem Verbund von Real- und Hauptschulen oder gar einer Integration dieser beiden Schularten, könnten Schul- und Sachaufwandsträger mit den erforderlichen Mitteln, vor allem dem erforderlichen Schulraum viel vernünftiger umgehen. Bis dahin wird weiter der Druck steigen auf die weiterführenden Schulen und die Sachaufwandträger, zusätzlich Klassen und Schulraum bereitzustellen. Und alljährlich der Ärger bei Kindern und Eltern, die nicht wohnortnahe Schulen besuchen können.
Alexander Reissl


